Winzerjahr Modul 4: Ende Oktober – Endlich Weinlese. Würden wir einen Prädikatswein schaffen?

Ich hatte ja nicht mehr dran geglaubt, dass es überhaupt noch Trauben zu lesen gab. Doch dann kam die erlösende Mail von Peter:

Liebe Winzerkursteilnehmerin, Lieber Winzerkursteilnehmer, im Weingarten sieht es gut aus & das Wetter verspricht ausgezeichnet für ein Prädikatsweinlese zu sein J ! Ich freue mich, euch anbei das aktuelle Programm für die kommenden Tage an der Weinbauschule Krems übermitteln zu können,  und wünsche eine gute Anreise!
ACHTUNG Weinlese – bitte geeignete Ausrüstung (festes Schuhwerk etc.) mitbringen!
mit besten Grüßen Peter

Wir freuten uns mega auf das Programm:

Bei wunderbarem Herbstwetter ging es gleich zur Lese. So eine Weinernte hat für unsereinen schon etwas Medidatives. Jeder von uns schnappte sich eine Reihe und nach einer kurzen Unterweisung – was sind die Guten und was sind die Schlechten und im Zweifelsfall immer kosten (wenns nach Essig schmeckt unbedingt wegwerfen) ging es schon los.

Am Anfang waren wir alle sehr zurückhaltend. Jeder schnitt viel zu viel aus den Trauben heraus und der Ausschuss war enorm. Erst nach und nach wagten wir uns auch an die Botrytys Trauben heran, kosteten sie und ließen sie dran. Auf einmal war auch die Ausbeute höher und die Kübel wurden schneller voll. Am vierten Bild sieht man übrigens eine Traube mit Sonnenbrand.

Nach dem Mittagessen im Mariandl trafen wir uns im Weinkeller, der Wein war auch schon da, und wir hatten das langersehnte Date mit dem Kellereiinspektor. Alle waren gespannt, welchen Zuckergehalt er feststellen würde. Herr Ingenieur Mauß war überzeugt, dass eine Spätlese, vielleicht sogar eine Auslese drin sein würde. Manche hofften auf eine Auslese, andere wieder wollten lieber einen trocken ausgebauten Wein mit mehr Alkohol.

Zur Erinnerung und Wiederholung:

Die Prädikatsweine sind laut österreichischem Weingesetzt folgende. Sie alle dürfen nicht mit Zucker nachgebessert werden und müssen aus einem Gebiet kommen. Sie müssen amtlich geprüft sein und brauchen eine Prüfnummer (deshalb auch der Kellereinspektor). Die Trauben müssen per Hand geerntet werden (deshalb auch der Preis). Wir haben es durchgerechnet – wir haben pro Liter 10 Minuten gebraucht. (540 Liter Ausbeute und 25 Personen zu je 3 Stunden. 4500/540 = 8,3 Minuten je Liter Wein.

  • Spätlese 19° KMW
  • Auslese 21° KMW
  • Eiswein, Beerenauslese, Schilf- und Srohwein: 25° KMW
  • Ausbruch 27 ° KMW
  • Trockenbeerenauslese 30° KMW.

Er stocherte und stocherte und stellte dann fest: 19,7° KMW. Es reichte also gerade mal für die Spätlese. Wir konnten es nicht glauben. Herr Ingenieur Mauß wusste aber, dass der Zuckergehalt über Nacht noch steigen würde. Gegebenenfalls könnten wir am nächsten Tag noch eine Nachmeldung machen. Sein Tipp war aber:

Lieber eine gute Spätlese, als eine schlechte Auslese. Und so ließen wir es auch dabei.

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Dann machten wir Bekanntschaft mit dem Kellermeister. Er empfahl, den Wein zu stampfen, bevor wir ihn pressten, weil so aus den Rosinen der Zucker besser gelöst werden würde. Das könnte man maschinell machen – aber auch unterhaltsam. Und schon entledigten sich Christoph, Susanne und Brigitte der Schuhe und es wurde zur Musik von Adriano Celentano lustig dahingestampft:

Es war super zu sehen, wie immer mehr Flüssigkeit austrat und es roch intensiv nach Frucht und Traubensaft.

Dann wurde alles in die Presse verfrachtet:

Die Kiste wurde gut und gekonnt ausgerüttelt – man sah, dass Kellermeister Rudi Völker das nicht zum ersten Mal machte. Danach wurde in mehreren sanften Durchgängen gepresst. Die graugrünbraune Suppe ronn in den Auffangbehälter und roch intensiv süß, nach Trauben und Gras.

Danach marschierten wir mit einem Gläschen vom Most in das Labor um den Zucker und Säurewert zu bestimmen. Davon war abhängig, wie viel Säure wir am nächsten Tag zusetzen mussten.

Und wer schon immer mal wissen wollte, wie es aussieht, wenn man durch ein Refragrometer schaut – hier ist der Blick für euch. Man erkennt, dass der Wein etwas über 20° KMW hat (das ist die rechte Spalte, wo der Übergang zwischen Licht und Schatten ist). Links sind die Öchsle.

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Danach gabs die Wohlverdiente Winzerjause. Wir wurden den ganzen Tag weinmäßig sehr kurz gehalten und haben den ganzen Tag nicht viel verkostet, unsere Kehlen waren trocken und alle freuten sich auf die Weinverkostung, bei der auch Peter Reiter dabei war. Über Weine der Weinbauschule, die Weine der letzten Winzerjahr Absolventen und den ganzen Stolz des Hauses – den Dionysus. Wie ihn die Weinbauschule selbst beschreibt: „Nur in Spitzenjahren und durch besonderer Selektion wird dieser Wein hergestellt. Nur wenn er den großen Ansprüchen unseres Hauses entspricht und nach strenger Prüfung und in limitierter Auflage wird er in dieser Qualität abgefüllt. Mindestlagerung im neuen Holzfass – 2 Jahre. Der große Bruder des Dionysos II ist zurück.Sehr dunkles Rubinrot mit violetten Einschlüssen, sehr dunkler Kern. Weichselnoten vermischen sich mit Schwarzen Johannisbeeren, feine Würze, intensive aber elegante Tannine, feine Eichenaromatik, zarte Röstaromen, viel Fülle und Dichte im Abgang, jetzt noch jugendlich, aber mit großem Lagerpotential. Wahrscheinlicher Höhepunkt des Weines zwischen 2014 und 2018.“

Die Winzerjause war super, alles vom Feinsten und auch die kredenzten Weine entlohnten uns für den harten Tag in der Rolle des Weinbauers. Um 20:00 wurde der Wein zugedeckt (wegen der vielen Fruchtfliegen) und auch wir machten uns alle auf den Weg in unsere Hotels.

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Am nächsten Morgen hieß es Keller putzen. Danach wurde die Presse geputzt und ausgespritzt, vor allem die Gitter und Filter mussten pingelig sauber gemacht werden. Es gab im Keller wahnsinnig viele Mücke, jetzt war auch klar, warum im Theorieunterricht immer so viel Wert auf Kellerhygiene gelegt wurde.

Danach mussten wir uns festlegen: Auslese oder Spätlese? Der Zuckergehalt hatte über Nacht tatsächlich nochmal kräftig zugelegt, Herr Ingenieur Mauß hatte Recht behalten. Dann sollte die Hefe und die Säurezugabe noch entschieden werden. Wir waren damit etwas überfordert – wie sollte jemand, der das noch nie gemacht hatte – so eine Entscheidung treffen? Das ist als ob man das Neugeborene fragt, was es zu Mittag essen will. Wir hofften auf die Erfahrung des Lehrers, doch er verhielt sich zurückhaltend, weil er nicht „Schuld sein wollte“ falls aus dem Wein nicht das wird, was wir möchten.

Wie auch immer sie es angestellt haben – Susanne kam freudestrahlend aus dem Labor und das Küberl mit den ganzen Zugaben (Hefe und Säure) war fertig.

Das Fass wurde mit viel Kraft von Dagmar verriegelt und der Wein endlich von der Wanne in das Fass gepumpt.

Dann wurden Säure und Hefe aus dem Plastikkännchen ins Fass zugegeben.

Dann hieß es wieder putzen und viel stehen und warten. Herr Ingenieur Mauß war viel beschäftigt und oft war er einfach weg, scheinbar musste er sich nebenbei auch um den Schulbetrieb kümmern. Wenn er uns einstweilen mit Wein ruhiggestellt hätte, wäre es vermutlich nicht so schlimm gewesen. So flüchteten wir einfach zu Herrn Völker in die Vinothekt – er ließ uns den tollen Donauriesling aus dem Steinfass verkosten und die Unterhaltung mit ihm stimmte zumindest einige von uns wieder milde.

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Die Führung durch den Schulweinkeller und die Microvinifizierung und die kleinen Projektfässer war aber sehr interessant.

Ich hatte mich besonders auf das Kapitel Weinfehler gefreut. Die Möglichkeit Fehler zu riechen und zu kosten und dann vom Experten erklärt zu bekommen, hat man nicht jeden Tag. Und wenn man den Geschmack einmal in der Nase und auf der Zunge oder im Glas hatte, merkt man ihn sich leichter, als es nur in der Theorie zu hören.

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Leider kam das Thema aber viel zu kurz und statt der geplanten 75 Minuten blieben uns letztendlich nur 30 Minuten. Wir bekamen nur 3 Weinfehler ins Glas, komisch fand ich, dass wir genau in diesen 30 Minuten auch einen Orange (das ist doch kein Fehler!) und einen ganz sauberen Wein zu trinken bekommen haben (dafür wäre den ganzen Tag genug Zeit gewesen). Die Plastikbehälter, aus denen der Wein ausgeschenkt wurde, hatten gar nichts Schönes – da könnte sich die Schule etwas Besseres einfallen lassen, das war optisch nicht ansprechend. Auch wenn es fehlerhafte Weine sind, muss das nicht sein.

Dann hieß es schon wieder aufbrechen zum Schulbus nach Langenlois – wir hatten noch die Kellerführung beim Bründlmayer auf dem Programm.

Der Bründlmayer ließ sich nicht lumpen und lud auf eine sehr intensive Weinverkostung. Sehr schöne Jahrgangsvergleiche, die ganze Palette sogar mit Raritäten und Spezialitäten angereichert  – wirklich sehr schön.

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Dann gings per pedes zum Heurigen Nastl. Nach dem üppigen Essen wurde schnell noch auf Brigittes Geburtstag angestoßen – denn das bestellte Taxi war schon im Anflug. Alle wollten wieder zurück nach Krems, wir allerdings machten noch einen Abstecher zu einem netten befreundeten Arbeitskollegen, der neben dem Heurigen sein schönes Haus hat und tranken mit ihm und seiner Frau noch ein paar gemütliche Achterln. Mit den Resten der Heurigenjause hatten die beiden Katze ihre Freude.

Den letzten Tag – Bau von Trockensteinmauern – hielten wir kurz. Die Theorie hörten wir uns an, doch das Thema in der Praxis auch noch zu erleben, reizte und nicht. Steine herumschleppen auf unwegsamen Gelände, war nicht das richtige für meinen Fuß. Und die Weinkeller der Domäne Wachau hatten wir mit der Weinakademie auch schon besucht. Deshalb traten wir um 11:00 unsere Heimreise an. Was wir nicht wussten: Es gab Schienenersatzverkehr und wir wurden in Tulln in einen Bus verfrachtet, der über 2 Stunden !! nach Wien zurückfuhr. Das wäre mit ein bisschen Information besser gegangen liebe ÖBB, wir hätten über St.Pölten fahren können – aber leider gabs in Krems keine Info. So fuhren wir eingepfercht mit etwa 200 Personen in einem Bus bis Klosterneuburg – wo wir uns endlich ein Taxi nahmen und zum Handelskai Mittagessen fuhren.

Was bleibt in Erinnerung? Ein wunderbares Wochenende mit tollem Wetter und einem super entspannten Ernteerlebnis, weniger Toll die Theorie und Kellerarbeit, viel Herumstehen und warten und ein Höllentrip auf der Nachhausefahrt. So stolz wir auf unseren Wein sind, das ganze wäre ein bisschen besser gegangen.

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2 Kommentare

  1. Ihr seid ja fleißig die letzten Tage, boah!

    Schöner Bericht; ich freue mich natürlich, daß ich wieder drin vorkomme 🙂

    Kommt gut ins neue Jahr – der Wein wird sicher spitzenäßig!

    Gefällt mir

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